Wortneuschöpfungen

Im übergeordneten Sinn handelt es sich um sogenannte Zugriffsstörungen. Dieses Phänomen kennt jeder: wir kommen nicht auf das uns im allgemeinen bekannte oder sogar oft benutzte Zielwort. Im Alltag passiert dies, wenn wir uns gedanklich mit einem anderen Thema beschäftigen oder wenn wir müde oder gestresst sind. Meistens können wir uns helfen, indem wir die Betonung und die Silbenzahl des Zielbegriffs vor dem inneren Ohr hören oder eine Bildhafte Vorstellung davon haben. Oftmals versuchen wir, eine Umschreibung des gesuchten Wortes zu geben. Z. B. ist der Zugriff auf das Wort „Weihnachtspyramide“ blockiert. Die Person könnte dann sagen: „ Ich meine eine Drehmühle. Nein, das Wort ist falsch. Es fällt mir nicht ein. Aber man stellt sie zu Weihnachten auf.“ Die „Drehmühle“ wäre jetzt eine Wortneuschöpfung und mit der dazugehörigen Erklärung hat der Gesprächspartner die Chance, den gesuchten Begriff zu finden. Eine Störung liegt vor, wenn dieses Phänomen zum Dauerzustand wird. Die Ersatzwörter sind selten die Gleichen, sie wechseln. Der Gesprächspartner muss Geduld, Einfühlungsvermögen, aktives Zuhören sowie Flexibilität aufbringen, um dem Gesprächfaden zu folgen und ggf. unaufdringlich zu unterstützen. Erst, wenn der richtige Begriff gefunden ist, wird dies von den Patienten bestätigt.


Goldstemmel > Schwert

6 j. Junge, Muttersprache plattdeutsch; Zielwort: „Schwert“. Das Schwert hatte einen goldenen Griff, daher das „ Gold“ und der Stemmel entstand mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem plattdeutschen Wort „ Stemmiesen“ ( Stemmeisen) oder hier in der Region auch manchmal „ Stemmel“ genannt.


Teppichtuch > Taschentuch
Mit der Hacke kannst du Borsten schieben > fegen
Buntflatterstange > Fahnenmast
Kampffrosch > Taschenlampe
Wachsfigur > Kerze
Rollschiebe > Nudelholz
Ich hab meinen Brustbeutel gepflegt > Kommentar nach einem Hustenanfall
Der Käfer macht sich Brause auf den Zylinderkopfsack > Sich beim Trinken verschlucken
Wenn der Südwind geworden, musst du küssen > zum Thema Frühling
Im Märzen der Bauer die Frösche einspannt > zum gleichen Thema
Der Kran ist flüssig geworden > Der Lastwagen fährt auf der Strasse
Mit der Schere schneidet Speck vom Bauch, musst du Bauch einziehen > Mit dem Messer schneidet man Speck


Wortverschmelzungen

Häufig wollen zwei Wörter gleichzeitig heraus. Das Gehirn ist zu dem Zeitpunkt unfähig, eines der beiden Wörter zu hemmen. Dann kommt es zu einer Vermischung der Begriffe. Manchmal ist es möglich, die Begriffe zu entschlüsseln. Das gelingt dem Gesprächspartner dann, wenn z.B. ein Photo des Zielwortes vorliegt oder das aktuelle Thema gut bekannt ist und entsprechend nachgefragt werden kann. Oftmals ist dies aber gar nicht möglich, dann spricht man von einer Wortverstümmelung.

Schmäckchen > Schmuckkästchen
Getreunt > geträumt und geweint


Versprecher

Sie entstehen, weil das Gehirn Laute, Silben oder Wortteile, die im Wort oder Satz erst später dran kommen, nicht hemmt und die entsprechenden Laute etc. sich „vordrängen“.

Mit lauter Stinge simmen
Brausstauber > Staubsauger
Es ist genull nau Uhr


Floskeln und Kommentare

Diese formelhaften Redewendungen oder nichtssagenden Redearten verwenden wir im Alltag ständig. Beobachten Sie einmal, wie oft Sie z. B. einen Satz mit „ Genau,..“ oder: „ Das ist ja schön und gut...“ etc. beginnen. Diese Formeln haben sich selbständig gemacht. Wir denken nicht darüber nach und können sie nur reduzieren, wenn wir das gezielt üben. Hirnorganisch geschädigte Menschen verfügen je nach Ausmaß der Störung über einen mehr oder weniger großen Umfang an Floskeln, die jedes Mal, wenn etwas festgestellt, benötigt, beantwortet etc. werden soll, benutzt werden. Es kann vorkommen, das jemand die zur Verfügung stehenden Floskeln situationsgebunden wiederkehrend einsetzt. Dies zeigen die folgenden Beispiele.:

Gib mir Honig, Du > Einstimmung auf die Therapie
Der Kampf ist unser Lohn > zum gleichen Thema
Kamerad Schnürschuh > zum gleichen Thema
Der liebe Freund und Kupferstecher is oll geworden, der duftet nicht > Ablehnungsbegründung für ein Übungsangebot
Pisepampel der Wind weht > Bei Unlust
Walter gib mir Kraft :
1. Ausdruckssteigerung: Mein Gott Walter ( Ulbricht) gib uns Kraft und in Ehrlichkeit Amen;
2. Ausdrucksteigerung: Die Weiber sind frech geworden ;
3. Ausdrucksteigerung: Das ist ein Haftgrund > Kommentare zum ungeduldigen Warten, weil ich mich z.B. noch mit Angehörigen unterhalte
Die heiligen Strohsäcke sind gefährlich geworden > Ausdrucksteigerung für die Ungeduld
Heidewitzka Herr Kapitän, er fliegt im Sitzen und im Stehn`> Kommentar auf viele richtig benannte Zielwörter
Pimpeline hats gesagt > Kommentar auf vorgesprochene Wörter
Tornister geworden > Kommentar zu „ ich bin jetzt Schüler“


Bei schweren Schädigungen wird oftmals zu Beginn der Erkrankung ausschließlich eine abrufbare Floskel zu hören sein. Z. B. auf die Frage: „ Ist die Suppe kalt genug?“ könnte eine mögliche Antwort „ Genaugenau“ sein. Dies würde vom Gesprächspartner möglicherweise missverstanden werden, da er dies als Zustimmung bewertet, der Betreffende aber das Gegenteil meint. Er kann es nur nicht mehr anders ausdrücken.

Du, dahinten
Genau geworden
Genaugenaugenaugenaujawoll
Gefährlich geworden
Mein Gott, mein Gott
Das ist ein Gefühl
Schön schön schön
Und wenn der da da der , dann ist der da


Bei schwersten Schädigungen kann es auch sein, das nur noch sinnlose Lautfolgen abgerufen werden können.

dididi
dadeda