Was ist unter Aphasie zu verstehen, wie entsteht sie und welche Symptome zeigen sich?


Übersetzt bedeutet Aphasie "Sprachverlust" und beschreibt eine Störung der Sprache nach einer Verletzung des Gehirns. Dies entsteht meistens durch Schlaganfall. Aber auch durch Hirnblutungen, Operationen, Unfällen, Hirnorganischen Erkrankungen etc. kann die Aphasie eine Folge sein.

Wir teilen unsere Sprache in vier sogenannte Leistungsgebiete ein:
Verstehen – Sprechen – Lesen – Schreiben

Bei einer Aphasie ist in der Regel jeder dieser Bereiche mehr oder weniger betroffen. Keine aphasische Störung gleicht der anderen, bei jedem tritt die Symptomatik in eigener Form auf, so wie jeder Mensch seine persönliche Entwicklung und Geschichte hat.
Grob wird zwischen flüssiger und nichtflüssiger Aphasie unterschieden. Dies sagt zunächst nur etwas über das Niveau des Sprechens aus.
Im deutschen Sprachraum werden zum besseren Verständnis vier Aphasietypen abgegrenzt:
Amnestische Aphasie: leichteste Form. Hier ist die Wortfindung gestört. Das Sprachverständnis ist weitgehend intakt. Die Funktionen des Lesens und des Schreibens sind wenig beeinträchtigt.
Wernicke – Aphasie: es zeigen sich erhebliche Wortfindungsstörungen und mittlere bis schwere Defizite beim Sprachverständnis. Die Funktionen des Lesens und des Schreibens sind ebenfalls stark eingeschränkt. Eine Besonderheit dieser Sprachstörung ist das ungebremste Sprechen. Die Wortwahl ist falsch, die Sätze werden verschachtelt und abgebrochen. Häufig gibt es auch lautliche Abweichungen. All dies wird flüssig produziert.
Broca –Aphasie: die Verständnisprobleme sind leicht bis mittelschwer. Eigene Gedanken können nicht mehr in die gewünschten Worte umgesetzt werden. Wörter können nur noch einzeln abgerufen werden und oft sind die Bedeutungen unpassend gewählt. Zudem kommen lautliche Entstellungen dazu. Der Satzbau kann nur noch telegrammartig realisiert werden. Die Funktionen des Lesens und des Schreibens sind oft in ähnlicher Weise wie die des Verstehens und des Sprechens beeinträchtigt.
Globale Aphasie: schwerste Form. Spontan können keine oder nur wenig Äußerungen produziert werden. Diese Äußerungen sind sogenannte Automatismen und setzen sich durch Silben, Laute, Wörter oder Sätze zusammen und können nicht kontrolliert werden. Es zeigen sich schwere Störungen des Sprachverständnisses, der Wortfindung, des Lesens und des Schreibens.

Diese vier künstlichen Einteilungen orientieren sich an den Kombinationen, der Häufigkeit des Auftretens von Symptomen und zeigen dem Therapeuten eine grobe Richtung.
Eine Aphasie ist nicht statisch. Sie verändert sich im Laufe der Zeit und kann durchaus die Grenze von einem zum anderen Typ überschreiten, so dass sich z. B. aus einer globalen Aphasie die weniger schwere Broca – Aphasie entwickelt.
Die Veränderbarkeit der Aphasien stellen eine große Chance zur Verbesserung dar, da Therapeuten hier mit gezielter Förderung unterstützen können.

Ganz wichtig ist dabei das Wissen, das dass Denkvermögen nicht betroffen ist. Aphasie ist keine geistige Beeinträchtigung. Aphasiker sind Menschen, denen eine der wichtigsten zwischenmenschlichen Möglichkeit - die der Kommunikation - also des Verstehens und Verstandenwerdens zum Problem geworden ist.

Symptome der Aphasie:

Sprachverständnisstörungen: Das Gehörte kann nicht mehr richtig entschlüsselt, interpretiert und in den richtigen Handlungszusammenhang gebracht werden. Das Gehör ist intakt! Patienten, die ihre Sprache wiedererlangt haben, berichten, dass sie das Gefühl hatten, eine Fremdsprache zu hören und zunächst nicht verstanden, warum ihre vertrauten Gesprächspartner plötzlich in dieser fremden Sprache redeten. Diese Situation verunsichert und macht Angst. Nicht Verstehen und nicht Verstanden werden grenzt aus. Um in der Kommunikation eingebunden zu bleiben, versuchen die Betroffenen zu signalisieren, das Gehörte verstanden zu haben, obwohl es tatsächlich nicht so ist. Das führt zu großen Missverständnissen auf beiden Seiten!

Wortfindungsstörungen: Der Zugriff auf die Wörter fehlt oder es werden Wörter genannt, die eine entfernte Bedeutung zum gemeinten Begriff haben. Oder auch Wörter, die gar nichts mit dem, was ausgedrückt werden soll, zu tun haben. Oft wird versucht, durch Umschreibungen das Zielwort auszudrücken.

Lesestörungen: Buchstaben und Wörter können nicht oder nicht mehr ausreichend erkannt werden. Sie werden falsch interpretiert, da das Sinnverständnis nicht oder nur noch teilweise funktioniert. Einem Aphasiker, der es gewohnt war, seine Informationen aus den Medien und Büchern zu holen, ist ein wichtiger Informationsweg abgeschnitten!

Schreibstörungen: Den einzelnen Lauten können keine Buchstaben mehr zugeordnet werden. Es werden falsche Wörter etc. produziert. Das spontane Schreiben gelingt nicht mehr.

Abweichungen in der Lautstruktur der Wörter: Beim Sprechen können die passenden Laute nicht mehr gebildet werden. Laute werden ausgelassen, ersetzt, vertauscht oder hinzugefügt. So entsteht ein nicht mehr erkennbarer Wörtersalat oder sogenannte Wortneuschöpfungen.

Grammatikstörungen: Es ist kein Satzbau mehr vorhanden wenn nur noch einzelne Wörter gesprochen werden können. Sind z.B. Wörter wie „ dass, weil, und, aber “ nicht mehr abrufbar, können keine Nebensätze mehr eingeleitet werden. Sätze werden fehlerhaft, weil viele Wörter fehlen, die notwendig sind, um einen verständlichen, sinnvollen Satz zu bilden.

Störungen des Sprachgedächtnisses und des Nachsprechens: Die Gedächtnisspanne für gerade Gehörtes kann extrem verkürzt sein. Wörter können deshalb nicht oder nur falsch wiederholt werden.

Kommunikationsstörungen: Wegen begleitender Konzentrationsprobleme kann Gesprächen nicht mehr ausreichend gefolgt werden. So ergeben sich zwangsläufig Schwierigkeiten beim Erkennen von Themenwechseln im Gespräch, oder auch beim Erkennen des richtigen Zeitpunktes bei Pausen, Wechsel vom Sprecher zum Zuhörer und umgekehrt, etc.

Durch die genannten Störungen entwickeln sich zwischenmenschliche Probleme, die zusätzlich erhebliche psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen, Aggressionen, sozialer Rückzug etc. nach sich ziehen. Das geht insbesondere auch mit dem plötzlichen Verlust des Berufes und der damit verbundenen Einschränkungen und Umstellungen einher!



Umgangsregeln mit Aphasie

( aus: Luise Lutz, „Das Schweigen verstehen“ Springer – Verlag)

Für Nichtaphasiker:

I. Das Schweigen verstehen

Zuhören bedeutet: Warten! Der Betroffene braucht mehr Zeit für seine Äußerungen. Sprechen steckt an! Das, was der Aphasiker sagt, wird häufig vom Gesprächspartner beeinflusst. Nicht zu früh mit Wortvorschlägen helfen. Mit dem Herzen hören! Darauf achten, ob sie die Absicht des Betroffenen verstanden haben. Eselsbrücken nutzen! Ein Wort, das nicht passend scheint, nicht verwerfen – es könnte zum beabsichtigten Wort hinführen. Die Dinge sprechen lassen! Mitdenken und genaues Beobachten der Situation helfen beim Verstehen. Das Thema suchen! Gemeinsam mit dem Betroffenen herausfinden, worauf sich seine Aussage bezieht – er KANN das Thema oft nicht äußern. Durch die Sprache hindurchhören! Bei unverständlichen Äußerungen nicht ständig unterbrechen – abwarten, dass der Sinn sich nachträglich ergibt. Nur auf den Inhalt achten - die Form übersehen! Nicht ständig verbessern. Nachsprechen ist keine echte Kommunikation! Nicht auf sprachlichen Äußerungen bestehen! Auch Gestik / Mimik akzeptieren. Konzentrieren hilft nicht! Hilfreicher ist die Unterstützung, „ Vielleicht kannst du es später sagen“. Bei ständig gleichen Wort- oder Satzwiederholungen den Redefluss unterbrechen und zunächst ablenken. Nicht aufgeben! Schlüsselsatz: „ Wir werden es herausfinden – Fang noch mal an!“

II. Das Verstehen erleichtern

Ruhe ist wichtig. Hintergrundgeräusche stören das Verstehen. Zweiergespräche sind leichter als Gruppengespräche. Nonverbale Signale einsetzen. Neben Tonfall, Mimik und Körpersprache auch Schrift und Bild einsetzen. Lautstärke nicht erhöhen. Ruhig, nicht zu schnell, aber natürlich und in normaler Lautstärke sprechen. Die Wörter variieren. Bei Nichtverstehen andere Formulierungen wählen. Kürze kann helfen. Je nach den individuellen Möglichkeiten der Betroffenen kurze Sätze benutzen und öfter Pausen einlegen. Ja / Nein – Fragen bevorzugen. Offene Fragen und Alternativfragen sind oft zu schwer.

Für Aphasiker

Auch Ihre Gesprächspartner sind von der Aphasie betroffen. Haben sie Geduld mit ihnen! Sich Verhören ist möglich. Prüfen sie: „ Habe ich wirklich alles verstanden?“ Zeigen Sie sofort an, wenn Sie etwas nicht verstehen! Gesprächspartner können nicht immer erkennen, ob Sie alles verstanden haben. Achten Sie auf Ihre Zuhörer! Halten Sie Augenkontakt! Prüfen Sie: Weiß mein Gesprächspartner, worüber ich spreche?

Geben Sie nicht auf!